Arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff – Die Gerüchteküche

In Anlehung an meinen letzten Bericht, ob ihr denn für ein Leben auf See geeignet seid, gibt es nun ein paar Gerüchte aus der großen Gerüchteküche, welche im Internet seit Jahren kurieren.
Sind die denn alle wahr? Was steckt wirklich hinter der Ausnutzung der Mitarbeiter oder den Orgien auf See?

Manches mag euch überraschen, anderes habt ihr euch vielleicht schon gedacht, aber das ein oder andere beruhigt euch vielleicht auch.

Aber lest selbst:

1. Die Kabinen sind alle verrostet, alt und abgelebt!
Erst einmal kommt es natürlich darauf an auf welchem Schiff ihr seid und wie ihr untergebracht seid.
Ich habe, um ehrlich zu sein, noch NIE eine total verrostete und abgelebte Kabine bewohnt. Und ich habe unter anderem auch schon auf älteren Schiffen gearbeitet.
Jedoch dürft ihr auch nicht erwarten, dass eure Kabine komplett neu ist.
Ihr seid auf einem Schiff, das ist aus Metall, natürlich kann sich da mal an der ein oder anderen Stelle Rost bilden. Meldet dies sofort dem Crew-Office. Manchmal können die Kollegen sofort etwas unternehmen oder für den nächsten Dry-Dock auf die Liste schreiben, wenn es ganz schlimm ist.
Sowieso, alles was auf eurer Kabine kaputt ist oder nicht funktioniert, kann irgendwie in Ordnung gebracht werden in 99% der Fälle.

Ich gestalte meine Kabinenwand gerne individuell. So ist es gleich viel wohnlicher.

2. Man braucht unbedingt einen Cabin-Cleaner!
Überdenkt mal, wie groß euer Zimmer, eure Wohnung oder euer Haus zu Hause ist. Schafft ihr das selber sauber zu halten? Ja? Dann werdet ihr das wohl auch in einer knapp 3 Quadratmeter großen Kabine wohl auch hin bekommen, oder?
In den meisten Positionen an Bord von Schiffen, werdet ihr selber dafür verantwortlich sein, eure Kabine sauber zu halten – oder vorzeigbar zu halten für eine Cabin-Inspection die jede Woche oder jeden Monat ansteht, um zu prüfen ob alles in Ordnung ist.
Ich habe mir noch nie einen Cabin-Cleaner genommen. Ein paar Feuchttücher, einmal einen Staubsauger ausgeliehen – reicht! Und den Mülleiner selber entlehren und mein Bett machen kann ich auch.
Natürlich gibt es auch Positionen wo ihr von eurer Reederei in den Genuss eines Cabin-Stewards kommt. Ich hatte das schon: täglich, täglich 2x und 1x wöchentlich. Und ich kann nur sagen: Ich brauche es nicht 2x täglich. Einmal täglich ist natürlich wunderbar aber hier der gut gemeinte Tipp: Gebt eurem Cabin-Steward dann und wann Trinkgeld. Die freuen sich wirklich sehr darüber und einer sagte mir mal, dass er sich sogar mehr darüber freut von der Crew etwas zu bekommen, als von Gästen.

3. Es gibt einen Crew-Friseur an Bord
Auch hier muss ich mit „janein“ antworten. Viele, gerade asiatische Kollegen, verdienen sich etwas nebenher, indem sie Nachts auf den Korridoren, zwischen den Crewkabinen, die Haare schneiden. Okay – eigentlich kann ich jetzt nicht „schneiden“ sagen, denn eigentlich rasieren sie den Männern die Kopfhaare wieder kurz. Somit würde ich keiner Frau empfehlen, dort Platz zu nehmen.
Für die männlichen Kollegen ist es jedoch wirklich super.
Ein paar asiatische Kollegen haben mir mal erzählt, dass sie dank des Haareschneidens ihren monatlichen Lohn fast verdoppeln.

4. Es wird kein Mindest-Stundenlohn gezahlt.
Ja, das ist wohl wahr. Ich lese immer wieder im Netz wie empört die Gesellschaft darüber ist, dass Crewmitglieder keinen Mindeststundenlohn bekommen.
Aber jetzt sind wir mal ehrlich. Wir wissen vorher welches Gehalt wir bekommen, wir wissen vorher, dass wir 7 Tage die Woche arbeiten und keine 8 Stunden Tage haben.
Und sind wir mal weiter ehrlich: An Bord habe ich ja auch keine Ausgaben. Ich habe ein Bett und kostenlose Verpflegung. Was sind da schon groß an Ausgaben dabei? Und dabei sehe ich noch die Welt – GENIAL!

5. Der ganze Lohn geht fürs Internet an Bord drauf!
In Anlehnung and Punkt 4.
Ja – einige meiner Kollegen geben fast ihr ganzes Gehalt fürs Internet an Bord aus. Aber sind wir mal ehrlich: Ich teile mir mein Geld selber ein und kann selber bestimmen wie viel ich wo rein investiere.
Ich habe sehr selten eine Rechnung über 100€ an Bord. Ich nutze WLan in den Häfen und trinke sehr selten Alkohol.
Wer natürlich nicht ohne das geliebte World Wide Web leben kann, der ist eventuell negativ überrascht über seine Bordrechnung am Ende des Monats.

Ich investiere mein Geld am liebsten in gutes, lokales Essen an Land.

6. An Bord eines Kreuzfahrtschiff schläft jeder mit jedem!
Auch das liest man immer wieder online.
Als ich das erste Mal an Bord eines Schiffes gegangen bin, hat dies mein damaliger Partner ebenfalls überall gelesen und an dieser Eifersucht ist damals unsere Beziehung kaputt gegangen.
Wir sind alle verschieden – ob an Land oder an Bord oder in der Luft. Es gibt treue, es gibt untreue, es gibt den ein oder anderen der mit jedem schläft und es gibt den ein oder anderen der gerne für sich alleine ist.
Es gibt richtige Beziehungen an Bord, es gibt Ehen, es gibt Beziehungen die scheitern, es gibt Beziehungen die halten auch noch nach dem Schiffsleben.
Merkt ihr etwas? Es ist wie im richtigen Leben.
Mehr werde ich zu diesem Thema nicht schreiben.

7. Die Philipinen werden ausgebeutet an Bord!
Wieso eigentich die Philipinen? Wieso nicht irgendeine andere Nation?
Wisst ihr eigentlich, dass die meisten, gerade Asiaten, nach einem Vertrag an Bord nach Hause kommen und ihrer Familie ein Haus bauen und ein Auto kaufen können, was sie vorher nicht konnten?
Und an Bord geht es nicht nur um die Nationalität, sondern auch um die Position die man inne hat, wie viel verdient wird.
Viele asiatische Kollegen arbeiten im Housekeeping oder an der Bar. Da wird natürlich weniger verdient, als in Manager-Positionen oder an der Rezeption.
Ich hatte zum Beispiel bei meiner letzten Reederei einen Destination-Manager von den Philipinen. Der hat genau so viel verdient wie die Manager aus anderen Ländern – hat sich seinen Weg zu der Position aber auch hart erarbeitet.
Bei einer anderen Reederei wiederum muss ich sagen, dass wir, die mehr als nur eine Sprache sprechen im Bereich „Guest Relation“ etwas mehr Gehalt bekommen haben, als die Kollegen, die keine andere relevante Sprache sprachen. Das wiederum fand ich ziemlich unfair, denn wir haben die gleiche Arbeit gemacht. Nur, dass wir einigen Gästen auch in anderen Sprachen helfen konnten.
Aber ich denke auch hier ist es von Reederei zu Reederei unterschiedlich.

8. Crewmitglieder bekommen die Reste der Gäste zu Essen
Totaler Quatsch. Manchmal würden wir uns das wünschen, aber das ist nicht möglich. Schließlich geht es hier um Regeln der Gesundheitsbehörde.
Essen, was einmal draußen stand, darf nicht weiter verwendet werden.
Und so ist es dann auch.
In den meisten Crew Mess gibt es natürlich das gleiche Brot und auch den gleichen Nachtisch wie für die Gäste. Vielleicht nicht in der selben großen Auswahl, aber es gibt z.B. keinen extra Crew-Becker.
Sehr wohl gibt es aber eine Crew-Küche wo zumindest versucht wird, es allen recht zu machen.
Immerhin arbeiten meist weit über 40 Nationen an Bord. Versucht mal für 40 unterschiedliche Geschmäcker zu kochen. Da gibt es immer einen der meckert – aber westliches Essen von den Gästen wird gerade nicht-westlichen Nationen so gar nicht schmecken – oder auch gar nicht gut bekommen.
Ein häufiger Gästescherz auf die Frage ob wir als Crew die Reste essen, ist übrigens: Aber SIE essen doch im RESTaurant! 😉

9. Crewmitglieder, die im Hintergrund arbeiten, sehen nie etwas von den Häfen!
Seit Anfang an arbeite ich mit und rund um die Landausflüge (bis auf eine Reederei bei welcher ich an der Rezeption gearbeitet habe). Oft werden wir gefragt ob wir die einzigen sind, die etwas vom Land sehen auf den Ausflügen.
Natürlich nicht!
Darum arbeiten die meisten doch an Bord! Um die Welt zu entdecken!
In einer Küche könnten die Köche zum Beispiel auch an Land arbeiten und mehr verdienen.
Auf fast allen Schiffen ist es immer möglich als Escort die Landausflüge zu begleiten. Das ist dann natürlich die eigene Freizeit in welcher man aushilft, muss die Gäste betreuen und manchmal sogar beim Übersetzen helfen.
Einige machen das einmal und danach nie wieder, weil sie merken, dass es ja tatsächlich Arbeit bedeutet.
Aber ist das die einzige Möglichkeit? Nein – natürlich nicht. Bei fast allen Reedereien gibt es ein Crew-Welfare Team, welches Crew-Ausflüge organisiert.
Die sind entweder kostenlos, oder gegen einen kleinen Beitrag von wenigen EUR.
Das sind zum Beispiel „Transfer nach Rom“ oder „Ein Tag in Pisa“ oder ähnliches.
Und auch sonst hat jeder natürlich auch Pausen um den Hafen selber zu erkundschaften. Da nimmt man sich mit neu gewonnen Freunden ein Taxi um die Insel zu erkunden, es gibt in Städten meist Hop-On-Hop-Off Busse oder aber man läuft in die Stadt und macht sich dort einen schönen Tag.
Ihr seht: Jeder hat die Möglichkeit raus zu kommen.

Das Burj Al Arab ist ein Highlight in Dubai welches jeder bei all den Anläufen mindestens einmal zu sehen bekommt.

10. Die Crew weiß im Notfall ja gar nicht was zu tun ist
Wie bitte? Wie kommt man denn auf so etwas?
Jeder der mal zur Crew gehört hat weiß: Die ersten Wochen an Bord sind die schlimmsten. Jeden Tag gibt es ein anderes Training.
Noch dazu im Vorfeld, sowie alle 5 Jahre das STCW-Training, welches wir absolvieren müssen.
Wir haben Kurse im Feuerlöschen, im Panik-Management, im Umweltmanagement, Erste Hilfe und vieles mehr. Dazu gibt es jede Woche einmal einen Crewdrill, zusätzlich zu der Rettungsübung für die Gäste am Anfang jeder Reise.
Ihr braucht euch also keine Sorgen zu machen. Wir wissen was zu tun ist.
Ob im richtigen Notfall alles tatsächlich so abläuft wie geprobt weiß natürlich niemand – und das will ich auch niemals herrausfinden.

Gar nicht so einfach mit den Überlebensanzügen im Wasser

Das sind jetzt mal 10 Punkte die mir eingefallen sind. Einige dieser Gerüchte kommen von Gästefragen andere habe ich im Internet tatsächlich so gefunden. Natürlich ist alles auch immer sehr abhängig von der Reederei und ich kann nur von eigenen Erfahrungen berichten.
Ich wußte vorher worauf ich mich einlasse und weiß es noch immer. Und ich will dieses Leben mit keinem anderen tauschen!

Habt ihr noch andere Fragen? Was würdet ihr gerne über das Leben auf See wissen? Immer her damit!

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