Arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff – Das STCW

Willkommen in meiner neuen Reihe Arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff.
Da ich die Reederei gewechselt habe, darf ich jetzt auch endlich mal meinen Senf zu diversen Themen geben und über das Leben & Arbeiten an Bord schreiben.

Beginnen möchte ich mit dem STCW.
Was bitte ist denn das?
SCTW – das steht für „International Convention on Standards of Training, Certification and Watchkeeping for Seafarers“ (dt. Internationale Übereinkommen über Normen für die Ausbildung, die Erteilung von Befähigungszeugnissen und den Wachdienst von Seeleuten).

In den letzten 3,5 Jahren durfte ich mir bei Seenotrettungsübungen immer wieder den Satz anhören „In einem wirklichen Notfall weiß die Crew doch eh nicht was zu tun ist“.
Ich kann euch beruhigen: Das ist nicht wahr.
Jede Crew auf einem Kreuzfahrtschiff ist für den Ernstfall ausgebildet. Manche mehr und manche weniger, aber ohne Sicherheitszertifikate darf niemand an Bord bleiben.

Jedes Schiff hat natürlich spezielle Einheiten an Bord, wie z.B. Feuerteams, medizinische Teams und vieles mehr.
Noch dazu werden wöchentlich sogenannte „Drills“ durchgeführt in denen verschiedene Notfallsituationen geübt werden. Wer von euch schon einmal als Gast auf einem Schiff war, kennt die Durchsagen dazu und hat bestimmt direkt Crewmitglieder vor Augen die in Rettungsweste durchs Schiff flitzen.

Das STCW will eine Einheit schaffen die Crew von Kreuzfahrtschiffen auf dem gleichen Standart trainiert zu haben.
Jedoch ist das Zertifikat nicht für alle Reedereien obligatorisch.

Es gibt einige Reedereien die ihre Crew nach ihren eigenen Richtlinien an Bord ausbilden. Dabei ist der theoretische Part immer nach den Regeln des STCW – der praktische Teil wird dabei jedoch meist außen vor gelassen. Allein schon weil die Möglichkeiten an Bord mancher Schiffe fehlen.
Für die meisten Reedereien braucht ihr jedoch ein STCW.
Häufig werden die Kosten dabei von eurem Arbeitgeber bezahlt. Entweder direkt, wenn ihr an Bord kommt oder nach Beendigung eures ersten Vertrags.

Um die Zertifikate zu erlangen gibt es verschiedene Seefahrtsschulen in Deutschland. Die bekannteste ist die AfS (Ausbildungsstätte für Seefahrer) in Rostock.

Die letzen Jahre habe ich für eine Reederei gearbeitet welche ihre persönlichen Trainings an Bord durchführt. Das ist natürlich nicht verkehrt, da hier die Kurse passend für das jeweilige Schiff durchgeführt werden.
Ich wollte jedoch auch immer schon den praktischen Teil kennen lernen und habe mich selber und auf eigene Kosten auf einen STCW Kurs in Rostock eingebucht.
Der theoretische Teil war weitaus identisch mit den Trainings, welche ich schon mehrfach an Bord mitmachen musste.
Von Crowd-Management, über erste Hilfe bis hin zu Safety & Security Richtlinien. Hier waren die Inhalte jedoch weitaus allgemein gehalten und nicht Reederei-spezifisch.
Am Ende wird natürlich ein Test geschrieben und wer den nicht besteht bekommt auch keine Zertifikate. Aufpassen ist also angesagt!

Eingehen will ich hier nur auf den praktischen Teil, da dieser für mich neu und aufregend war.

Freifallboot
Ihr habt doch bestimmt den Film „Captain Phillips“ gesehen, oder? Wie er in dem kleinen Rettungsboot vom Containerschiff in die offene See schießt?
In den Kursen in Rostock sitzen nicht nur Kreuzfahrer, sondern ebenso z.B. Personal von Offshore-Plattformen.
Zum praktischen Teil des STCW in Rostock gehört somit auch ein freier Fall mit einem solchen Boot. Auf diese Aufgabe hatte ich mich schon am meisten gefreut.
Die Boote sind wirklich sehr eng, aber hier geht es um die Sicherheit und nicht um eine bequeme Fahrt.
Der Bootsführer benutze die Pumpe und schon schossen wir ins Hafenbecken. Ein sehr kurzer Fall mit einem Aufprall den ich mir heftiger vorgestellt habe.
Im Hafenbecken angekommen durften wir natürlich auch einmal selber fahren, was ich mir natürlich nicht entgehen ließ.

Freifallboot

Freifallboot

MES-Station (Marine Evacuation System)
Was ist denn nun schon wieder eine MES-Station? Die meisten von euch kennen normale Rettungsboote und dem ein oder anderen wird auch klar sein, dass die weißen Container an Bord Rettungsinseln beinhalten.
Auf moderneren Schiffen aller Arten sind jedoch statt den Rettungsinseln MES-Stationen anzutreffen, die hauptsächlich für die Crew vorgesehen sind.
Dabei handelt es sich um lange Rutschen die in ein Rettungsfloß enden.
Es hat sich im Laufe der Zeit gezeigt, dass mit diesem System in kürzerer Zeit mehr Menschen evakuiert werden können.
In Rostock durften wir einen solchen Schlauch dann auch direkt einmal runter rutschen. Die Vorstellung schnell hinunter zu sausen war auch wie weggeblasen als ich feststellte, dass ich so kontrolliert hinunter rutschte, dass ich sogar hätte unterwegs anhalten können.

Rettungsinseln
Der Großteil der Kreuzfahrtschiffe haben statt den MES-Stationen aber immer noch normale Rettungsinseln.
Bis jetzt kannte ich diese nur aus Filmen und in weißen Containern von außen auf dem Schiff.
Während des Trainings in Rostock durften wir dann auch mal einen Container aufplatzen lassen.
Danach hieß es Überlebensanzüge anziehen und ins Hafenbecken hinab klettern.
Zuerst hieß es Formationen schwimmen. Wie schafft man es bei Seegang in einer Gruppe zusammen zu bleiben bzw. wie bewegt man sich am besten in einer großen Gruppe im Wasser voran?
Für den nötigen Seegang sorgten unser Ausbilder und ein weiterer Angestellter der AfS mit ihren Motorbooten um uns herum fahrend.
Als nächstes ging es darum in die Rettungsinsel vom Wasser aus hinein zu klettern. Gar nicht so einfach!
Eng an eng im stickigen Inneren hieß es dann „RUDERN“ und zwar von einer Seite des Hafenbeckens zur anderen. Natürlich wieder mit produzierten „starken Seegang“. Sehr anstrengend kann ich euch sagen. Ich hatte das Gefühl rückwärts zu rudern.
Ein anstrengender Nachmittag bei dem wir aber sehr viel gelernt haben.

Gar nicht so einfach mit den Überlebensanzügen im Wasser

Gar nicht so einfach mit den Überlebensanzügen im Wasser

Feuer
Natürlich braucht eine normale Schiffscrew keine Ausbildung zum Feuerwehrmann. Dafür gibt es oben genannte Teams.
Eine Grundidee des Feuerlöschens ist jedoch von Vorteil.
So mussten wir uns jeweils zu 4. in einen Raum setzen in welchem unser Ausbilder ein „Flashover“ simulierte. Einfach, damit wir einmal spüren konnten wie groß die Kraft des Feuers wirklich sein kann.
Weiter ging es mit Löschübungen mit dem Feuerlöscher. Jeder von uns wurde mit einem CO2-Löscher ausgestattet und musste einzeln einen dunklen Raum betreten. Unser Ausbilder stand grinsend im „Überwachungsraum“ und ließ es auf Knopfdruck an verschiedenen Stellen im Raum brennen.
Etwas mehr Überwindung brauchte es dann bei der nächsten Übung, mit einer Branddecke ein Feuer über einem Herd zu löschen. Es war ein komisches Gefühl nur eine Decke zwischen sich und dem Feuer zu haben.
Zum Schluss hieß es durch ein Labyrinth an Räumen den Weg finden während diese mit Rauch total vernebelt wurden.

Einmal den Weg durch die Container finden bitte

Einmal den Weg durch die Container finden bitte

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Das waren die Hauptübungen die wir machen mussten. Natürlich gab es zwischendurch immer Kleinigkeiten die uns entweder gezeigt wurden oder die wir ausprobieren durften, wie z.B. Pyrotechnik.

Egal auf welchem Schiff ihr arbeitet, oder vorhabt zu arbeiten: Das STCW-Training in Rostock lohnt sich so oder so. Denn auch im Alltag lässt sich einiges davon verwenden.

Pyrotechnik

Pyrotechnik

Ein paar Randdaten habe ich natürlich auch für euch:

Wer braucht das STCW: Informiert euch vorher bei eurem Arbeitgeber auf hoher See ob ihr den Kurs braucht und vor allem WELCHEN Kurs ihr benötigt, denn es gibt verschiedene.

Wie heißt der Kurs den ich gemacht habe: Sicherheitstraining für Servicepersonal in der Kreuzschifffahrt nach STCW 95

Kosten: ca. 310 EUR (manche Reedereien bezahlen euch den Kurs)

Anreise: Bequem per S-Bahn von Rostock Hauptbahnhof bis Marienehe, dann einen kurzen Fußweg der schon vom Bahnhof aus mit Schildern zum AfS-Rostock ausgeschildert ist

Unterkunft: kostet extra. Es werden verschiedene Vorschläge gemacht. Mein Tipp –> Schlaft auf den Wohnschiffen Severa, direkt neben dem Ausbildungszentrum. Da bekommt ihr schon einmal ein gewisses „Cruise-feeling“ und lernt viele andere Kreuzfahrer und Schifffahrts-Studenten kennen.

Wohnschiff Severa

Wohnschiff Severa

Habt ihr schon einmal ein STCW mitgemacht? Was haltet ihr davon?

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2 Gedanken zu “Arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff – Das STCW

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